Parlaments- und Regierungsviertel

Parlament, Ministerien und Ämter der Bundesrepublik Deutschland verteilen sich in alten und neuen Gebäuden im Wesentlichen auf die ehemaligen Bezirke Tiergarten und Mitte: im Westen beginnend mit dem Bundesinnenministerium im Moabiter Spreebogen-Center, im Osten endend am Auswärtigen Amt am Werderschen Markt, vom Bundesfinanzministerium im Süden an der Leipziger Straße bis zum Bundeswirtschaftsministerium im Norden an der Invalidenstraße reichend. »Zentrum der Macht« ist das Areal zwischen dem Reichs¬tagsgebäude und der Spree, der so genannte Spreebogen, wo sich bis zum Zweiten Weltkrieg das Alsenviertel ausdehnte, ein bürgerliches Wohnquartier. Während der Nazi-Diktatur hatte Hitlers Architekt Albert Speer hier die »Große Volkshalle« geplant, einen gigantischen Kuppelbau von 290 m Höhe, wofür bereits bis 1942, noch vor den großen Bombenangriffen, ein Großteil des Viertels abgerissen wurde; als einziges Gebäude ist die Schweizerische Botschaft erhalten geblie¬ben. Seit Kriegsende lag das Gelände brach. Hier entstanden nach ei¬nem Generalplan der Architekten Axel Schuhes und Charlotte Frank – integriert in das so genannte »Band des Bundes«, das in ost-westli¬cher Richtung den Spreebogen überlagert – das neue Kanzleramt und Büros für die Bundestagsabgeordneten.
Jenseits der Spree glitzert Berlins erster Zentralbahnhof: der Haupt-bahnhof vom Architektenbüro Gerkan, Marg und Partner, das sich mit dem Auftraggeber Deutsche Bahn überwarf, weil der ein Drittel der Vorhaben gestrichen hatte. Immerhin: die luftige, riesige Stahl-Glaskonstruktion gewährt beeindruckende Ein- und Ausblicke – jetzt muss man nur noch seinen Bahnsteig finden.
Reichstagsgebäude • Deutscher Bundestag
Mit der Proklamation des Deutschen Kaiserreichs am 18. Januar 1871 wurde die preußische Hauptstadt Berlin Reichshauptstadt. Das neue Parlament, der Reichstag, brauchte ein repräsentatives Gebäu¬de, nachdem er zunächst ein provisorisches Domizil an der Leipziger Straße Nr. 74 in der Königlichen Porzellan-Manufaktur bezogen hat-te. Mit dem Neubau wurde Paul Wallot betraut, den er 1884 bis 1894 im Stil eines wuchtigen Neorenaissance-Palastes errichtete. Der Kaiser legte eigenhändig den Grundstein, 30 Milionen Reichs¬mark wurden aus der französischen Kriegsentschädigung von 1871 abgezweigt. Erst 1916 aber erhielt das Gebäude seine Inschrift am Giebel: »Dem Deutschen Volke.« Dieses übernahm am 9. Novem¬ber 1918 die Macht, als Philipp Scheidemann vom Reichstag die Republik ausrief.
Am Abend des 27. Februar 1933 brannte der Reichstag. Dieses Er¬eignis, als »Reichstagsbrand « in die Geschichte eingegangen, ist bis heute nicht restlos aufgeklärt. Die nationalsozialistische These vom Komplott der KPD wurde mit dem Freispruch der Angeklagten Georgij Dimitroff und Ernst Torgier durch das Leipziger Reichsge¬richt im Dezember 1933 nicht bestätigt, auch wenn der ebenfalls angeklagte Marinus van der Lubbe vom selben Gericht zum Tode verurteilt wurde. Die vor allem von der KPD propagierte These, die Nazis hätten selbst den Brand gelegt, um eine Handhabe gegen ihre politischen Gegner zu be¬ kommen, ist ebenfalls nicht be¬wiesen. Wie auch immer – der Reichstagsbrand zog einschnei¬dende politische Folgen nach sich, denn er war Anlass für die »Notverordnung zum Schutz von Volk und Staat« vom 28. Februar 1933, die vor allem die wichtigsten Grundrechte aufhob und den Nationalsozialisten kurz vor der Reichstagswahl vom 5. März 1933 die Gelegenheit gab, ihre politischen Gegner zu verfolgen und zu beseitigen. Nach dem Brand wurde das Ge¬bäude nicht mehr benutzt und auch nicht renoviert. Der Reichstag zog in die nahe gelegene Krolloper im Tiergarten um (am jetzigen Standort der Kongresshalle) und verlor als Parlament unter den Nazis jegliche Bedeutung. Am 30. April 1945 hissten zwei Rotar¬misten die sowjetische Flagge auf der Reichstagsruine; am selben Tag beging nur einige hundert Meter entfernt Hitler im »Führer¬bunker« Selbstmord.
Der Wiederaufbau wurde erst 1970 beendet; auf die Errichtung der 1957 gesprengten Kuppel verzichtete man. Aus symbolischen Gründen tagte der Bundestag regelmäßig im Reichstag, was zu re¬gelmäßigen Protesten der Sowjetunion und der DDR führte. Im Plenarsaal fanden am 4. Oktober 1990 die erste Sitzung des aus Bundestag und Volkskammer zusammengesetzten gesamtdeut-sehen Parlaments und am 17. Januar 1991 die konstituierende Sit¬zung des am 2. Dezember 1990 gewählten gesamtdeutschen Bundes¬tags statt. Zu seiner ersten Sitzung nach dem Umbau und damit der offiziellen Einweihung traf sich der Bundestag am 19. April 1999. Während der Bauarbeiten richteten sich im Juni und Juli 1995 die Augen der gesamten Kunstwelt auf Berlin: Zwei Wochen lang war das komplette Gebäude unter einer 100 000 m2 großen, silbrig glänz¬enden Stoffverhüllung verschwunden. Dieses Projekt »Wrapped Reichstag« hatte der amerikanisch-bulgarische Künstler Christo mit seiner Frau Jeanne-Claude seit 1971 beharrlich verfolgt, am 20. Juni 1994 stimmte der Bundestag endlich zu – der überwältigende Erfolg der Aktion gab dem Künstler Recht.
Das Reichstagsgebäude ist nach einem Entwurf des britischen Archi- tekten Norman Foster umgebaut worden. Innerhalb der alten Mauern entstand ein hochfunktionales Parlament, in dem der ur¬sprüngliche Zustand nur noch an wenigen Stellen ablesbar ist. Der größte architektonische Wurf ist die Kuppel. Sie ist, nächtens be- leuchtet, zum Wahrzeichen des neuen Berlin und zu einer der groß- l ten Touristenattraktionen geworden: Auf einer spiralförmigen Rampe wandelt man an ihrer Innenseite hinauf zur Aussichtsplattform, von der man die Stadt hervorragend überblickt (Öffnungszeiten der Kup- pel: tgl. 8.00-24.00 Uhr, letzter Einlass 22.00 Uhr; Wartezeiten!).

Weitere Bauten im und am Spreebogen
Den architektonischen Gegenpol zum Reichstagsgebäude setzt das Bundeskanzleramt gegenüber. Axel Schuhes und Charlotte Frank entwarfen zwei 18 m hohe, lang gestreckte Bürotrakte – der südliche ist 335 m lang die ein 36 m hoher Kubus mit neun Geschossen zu-sammenhält. Dieser ist die eigentliche Machtzentrale, denn hier be¬finden sich im sechsten Stock der Kabinettssaal und darüber das
Kanzlerbüro. Nach Osten hin öff¬net sich der mit der »Berlin«- Skulptur von Eduardo Chilida ge¬schmückte Ehrenhof; nach Westen enden die Bürotrakte an der Spree, sind aber per Brücke mit dem am anderen Ufer beginnenden Kanz¬lergarten verbunden. Die Monu¬mentalität des Gebäudes ist hart kritisiert worden; der Volksmund hat das Problem auf seine Weise gelöst, indem er dem Amt die Spitznamen »Bundeswaschmaschine« – nach dem kreisrunden Fenster im Kanzlerkubus – und – nach sei¬nem vehementen Befürworter – »Kohlosseum« verpasst hat.
Den exklusivsten Platz aller Diplomaten, zumindest was die Nähe zur deutschen Machtzentrale angeht, kann der Botschafter der Schweiz für sich beanspruchen, denn sein Gebäude hat als einziges im Spreebogen die Kriegszerstörungen überstanden und ist nun di¬rekter Nachbar des Bundeskanzleramts. Durch den klotzigen neuen Anbau hat das Palais von 1870 allerdings nicht gewonnen.
An der Nordseite des Reichstags baut sich das riesige und doch transparent erscheinende Paul-Löbe-Haus auf, entworfen von Ste¬phan Braunfels und benannt nach dem Sozialdemokraten und Präsi¬denten des Reichstags Paul Lobe (1875-1967). Das achtgeschossige Gebäude mit weit vorkragendem Vordach nimmt u. a. fast 1000 Bü¬ros, Sitzungssäle und den Besucherdienst des Bundestags auf.
Vom Paul-Löbe-Haus führt ein Steg über die Spree in das Marie-Eli- sabeth-Lüders-Haus hinüber. Dieses ebenfalls von Braunfels entwor¬fene Gebäude beherbergt die Bundestagsbibliothek und den Wissen¬schaftlichen Dienst; der Name erinnert an die liberale Politikerin Marie Elisabeth Lüders (1878- 1966).
Den Namen des Mitbegründers der CDU Jakob Kaiser (1888- 1961) trägt der flächenmäßig größte der Bundestagsneubauten. Der von fünf Architekturbüros konzipierte Bau erstreckt sich hinter dem Reichstag beiderseits der Dorotheenstraße und hat auch direkten Zu¬gang zum Pariser Platz vor dem ► Brandenburger Tor. Im Gebäude ist u.a. das Bundestagspräsidium untergebracht.
Wo sich die Macht ballt, sind die Medien nicht weit: Das ARD-Haupt- stadtstudio (Führungen: Mi. 16.00, So. 14.00 Uhr nach Voranmel¬dung, Tel. 22 88 11 10) schließt sich direkt an das Jakob-Kaiser-Haus am Reichstagsufer an; weiter östlich direkt unterhalb vom Bahnhof Friedrichstraße liegt das Bundespresseamt, während RTL gegenüber am Schiffbauerdamm sein Studio hat und das ZDF Unter den Linden 36-38 zu Hause ist. Die Bundespressekonferenz hat ihr Haus nörd¬lich vom Lüders-Haus am Schiffbauerdamm.

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